Kunst der Erinnerung. Krieg, Befreiung, Freundschaft in Bildern aus dem Kunstarchiv Beeskow
Die Ausstellung stellt Gemälde, Grafiken und Fotografien aus dem Kunstarchiv Beeskow vor, die sich mit dem II. Weltkrieg, der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Freundschaft zur Sowjetunion auseinandersetzen. Diese eng miteinander verflochtenen Themen sind zentral für das Selbstverständnis der DDR, entsprechende Präsenz erlangen sie in der Kunst. Die Schau wird anlässlich des 75. Jahrestages des Endes des II. Weltkriegs und im Rahmen von Kulturland Brandenburg (In neuem Tab öffnen) gezeigt.
Ausgewählt sind Arbeiten, die sich jenseits enger ideologischer Leitbilder einer kritischen Perspektive verpflichtet fühlen und noch heute zur Reflexion anregen.
Zwar versucht die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) das öffentliche Gedächtnis in hohem Maße zu kontrollieren und auf politische Rituale auszurichten: Der kommunistische Widerstand und die Rolle der Sowjetsoldaten als Befreier werden idealisiert, während der Völkermord an den Juden – ähnlich wie lange Zeit in Westdeutschland – unterbelichtet bleibt. Doch eröffnet das Medium der Kunst Spielräume für individuelle Positionen. Nicht zuletzt zeigt sich die Druckgraphik als von besonderer Beweglichkeit und Experimentierfreude.
Vor allem in den 1980er Jahren entstehen Arbeiten, die das visuelle Vokabular erweitern und alternative Lesarten zulassen. Sie befassen sich mit den traumatischen Erfahrungen des Krieges, der politischen Gewalt, mit der Verführbarkeit der Massen und der Schuld der Mittäter und Mitläufer. Verdrängte Themen der NS-Vergangenheit und ihrer Folgen werden nun aufgegriffen, der damals eingeübte Untertanengeist und das Fortwirken autoritärer Prägungen werden problematisiert. Nicht nur in der DDR ist dies ein Jahrzehnt der „nachholenden Erinnerungsarbeit“, für die in der Literatur etwa Christa Wolfs Roman „Kindheitsmuster“ steht. So sind in den ausgestellten Werken Einflüsse sehr unterschiedlicher Autoren spürbar, von Johannes R. Becher, über Jewgeni Jewtuschenko bis hin zu Heinar Kipphardt oder Elias Canetti.
Die für die Ausstellung ausgewählten Arbeiten vereinen unterschiedliche generationelle Standorte: Die Älteren wie Gerhard Goßmann und Gerhard Kurt Müller greifen stark auf autobiographische Erfahrungen zurück. Bei den nach 1930 Geborenen – so Heidrun Hegewald, Dieter Gantz oder Joachim John – mischen sich Jugenderinnerungen mit Einflüssen der aktuellen Geschichtskultur. Die in den 1940er und -50er Jahren Geborenen, hier etwa Hartmut Hornung und Petra Flemming, schöpfen ausschließlich aus sozial oder kulturell vermittelter Geschichte bei ihrem Versuch, die gesellschaftlichen Dimensionen von Krieg und Faschismus zu erfassen. Zu diesen jungen Künstlern zählen auch die Maler Thomas Ziegler und Norbert Wagenbrett, die bereits unter dem Eindruck von Glasnost und Perestroika das in der DDR geltende Gebot der Freundschaft zur Sowjetunion reflektieren und dabei einen sehr persönlichen Blick auf die Menschen dieses Landes richten.
Nur vereinzelt erscheint das epochale Verbrechen des Völkermords an den Europäischen Juden in Arbeiten des Kunstarchivs Beeskow, auch hier angeregt durch literarische Texte wie Jewtuschenkos berühmtes Gedicht „Babi Jar“. Häufiger wird die Geschichte von Krieg und Faschismus mit einem Nachdenken über
die in den 1980er Jahren besonders aktuelle Furcht vor einer atomaren Apokalypse verbunden oder mit Kritik an Militarismus und gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen.
Die Kunst spiegelt die Gedächtniskultur einer Gesellschaft nicht nur wider, sondern kann sie mit ihren komprimierten und pointierten Erinnerungsbildern maßgeblich mitgestalten. Die ästhetischen Mittel können dabei breit gefächert sein. In den Werken der Ausstellung reichen sie von realistischen über expressive bis hin zu abstrahierenden Ausdrucksformen. Dieses Spektrum hält ganz unterschiedliche Antworten auf den Versuch bereit, Vergangenheit visuell zu vergegenwärtigen. Teils mit wütenden, teils mit stillen und dunklen, aber auch mit hoffnungsstiftenden Bildern gelingt es den Künstlerinnen und Künstlern, auf ganz eigene Weise die Vorstellungskraft zu mobilisieren. In diesem Sinne haben die Werke der Ausstellung bis heute nichts von ihrer Wirkung auf den Betrachter eingebüßt.
Im Rahmen der Ausstellung fand am 11.9.2020 das Symposium Im Schatten der Erinnerung. Sowjetische Kriegsgefangene und Kalter Krieg (In neuem Tab öffnen) statt. Außerdem ist eine Begleitpublikation erschienen.