In der vierzigjährigen Geschichte der DDR sind mehrere Phasen des Wohnungs- und Städtebaus, der Entwicklung von Wohnvorstellungen, der Möbelproduktion und der Stilentwicklung festzustellen. Ab Mitte der 50er Jahre erfolgte schrittweise der Durchbruch zur Moderne und der Übergang zum industriellen Wohnungsbau, eine Tendenz, die Mitte der 60er Jahre einen ersten Höhepunkt fand. Aufgrund des anhalten Wohnungsmangels wurden ab den 70er Jahren vermehrt Wohnungen gebaut und das Wohnungsbauprogramm von 1973 bedeutete den Übergang zur großen Serie mit wenigen Bautypen, vornehmlich in Satellitenstädten. Dieser Übergang zur großen Serie vollzog sich auch in der Möbelproduktion, die einseitig auf die Ausstattung der nun entstehenden Neubauwohnungen ausgerichtet war. Zugleich verfielen die Altstädte zunehmend und für jeden sichtbar, aber dennoch vollzog sich in den 80er Jahren eine Rückkehr zum Wohnen im Altbau, auch wenn die Neubauwohnung weiterhin erstrebenswertes Ziel vieler Familien blieb. Die in den 70er Jahren vorherrschende Politik der Wohnraumversorgung blieb bestehen, aber die Tendenz zur Uniformität wurde in den 80er Jahren intensiver wahrgenommen. Sie drückte sich in einer Stilvielfalt aus und der Suche nach alternativen Wohnformen aus. Aber der bedrückende Verfall der Städte und Häuser war auch einer der Gründe für die friedliche Revolution vom Herbst 1989. Mit zwei Ausstellungen über die „Wohnkultur in der DDR“ will das Dokumentationszentrum diese Entwicklung nachvollziehen.

„Wohnen im System – Die Wohnkultur in der DDR in den 70er und 80er Jahren“ verfolgt die Entwicklung der Wohnkultur unter dem Zeichen des industrialisierten Wohnungsbaus. Der Titel bezieht sich auf diese normprägende Ausrichtung auf die Neubauwohnung und das Neubaugebiet ebenso, wie auf die damit verbundenen Vorstellungen von einer „sozialistischen Lebensweise“. Wohnen wurde, wie schon zuvor, nicht als Frage des individuellen Geschmacks und der persönlichen Entscheidung interpretiert, sondern als Teil der Gesellschaft, deren Planung und Gestaltung die SED zu bestimmen suchte. Mit dem Wohnungsbauprogramm von 1973 sollte die „Wohnungsfrage“ zumindest quantitativ bis 1990 gelöst sein; „Jedem eine Wohnung, aber (noch) nicht jedem seine Wohnung“ lautete die Losung. „Wohnen im System“ bezieht sich daher auch auf die Voraussetzungen, unter denen sich in der DDR eine eigene Wohnkultur entwickelte.

Die Ausstellung setzt mit den späten sechziger Jahren ein. 1968 wurde das Montagesystem Deutsche Werkstätten (MDW) vorgestellt, das einen entscheidenden Schritt zum universellen, modularen Möbelsystem darstellte. Aus einzelnen Bauteilen konnte der Nutzer Möbel nach eigenen Vorstellungen zusammenstellen und selbst montieren. „Nicht 100 Typen in einer Variante, sondern ein Typ in hundert Varianten“ lautete die Maxime für das Montagesystem. Durchgesetzt hat sich jedoch ab den 70er Jahren die Schrankwand, der „vor die Wand gestellte Stauraum“, eben jene kritisierten „100 Typen einer Variante“, von denen die Ausstellung ebenfalls einige Beispiele zeigt. Bedingt war diese Entwicklung durch den Möbelhandel, der komplette „Wände“ verkaufen wollte, und die industrialisierte Möbelindustrie, die eben nur diese Typen – und insgesamt in zu geringer Mengen – produzierte.  Die Schrankwand entsprach den Grundrissen der industriell gefertigten Wohnungen, vor allem der Typen P 2 (ab 1965) und WBS 70 (ab 1973), die möglichst optimal auszunutzen waren und sie schien lange alternativlos. Aber die mit ihr verbundene Monotonie forderte Kritik heraus, die sich bereits in der ersten Hälfte der 70er Jahre in zahlreichen Einrichtungsvorschlägen mit einer Mischung aus Alt und Neu zeigte. Die Zeitschrift „Kultur im Heim“ gab nun nicht mehr den „richtigen“ Weg der Wohnungseinrichtung vor, sondern präsentierte alternative Vorschläge als Anregung zur individuellen Gestaltung der Wohnung. Die Privatheit des Wohnens wurde wieder stärker akzeptiert. Die planerischen Vorannahmen des Wohnungsbaus, 2-Generationen-Familie, Berufstätigkeit der Eltern, Essen in Gemeinschaftseinrichtungen, wurden ab Mitte der 80er Jahre zunehmend kritisch hinterfragt. Damit wurde auch in der Öffentlichkeit nachvollzogen, was sich bereits längst durchgesetzt hatte: eine Vielfalt der Lebensstile und Nutzerinteressen, die sich mit den in der DDR gegebenen Rahmenbedingungen zu arrangieren hatten.

Die Ausstellung zeigt die Wohnkultur dieser Jahre, repräsentiert durch Möbel und Accessoires, und ergänzt durch eine Übersicht über Architektur und Städtebau. Über die individuelle Perspektive des Wohnens indes gibt es nur wenige Quellen und die Besucher werden gebeten, hierzu durch Fotografien und Berichte beizutragen.

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