Im geteilten Deutschland war der Akt einer umfassenden Stadtneuschöpfung, wie ihn die Errichtung der Wohnstadt des Eisenhüttenkombinats darstellte, nahezu einzigartig. Er stand unmittelbar in Verbindung mit der Gründung der DDR und dem Vorhaben zur „sozialistischen Umgestaltung“ der Staats- und Gesellschaftsordnung. Architektur und Städtebau sollten diese Neuorientierung auf ihre Weise befördern. Das Kriterium der Wirtschaftlichkeit trat darüber vorübergehend in den Hintergrund. Vielmehr sollte eine modellhafte städtebauliche Lösung von der Überwindung des Elends der Nachkriegsjahre und vom Versprechen wachsenden Wohlstands für alle künden. Dies geschah bis Mitte der 50er Jahre durch repräsentative, traditionelle Stadtbaukunst, wie wir sie in Eisenhüttenstadt in den Wohnkomplexen I bis III vorfinden. Um 1960 setzen die Bebauung der Magistrale mit „Punkthochhäusern“ und großzügig verglasten Ladenzeilen nochmals architektonische Glanzlichter.

Das Beispiel Stalinstadt bzw. Eisenhüttenstadt stand in Europa freilich nicht allein. Mit Nova Huta (Polen), Dimitrowgrad (Bulgarien) und Dunaújváros (Ungarn) entstanden nahezu zeitgleich weitere industrielle Planstädte als „Leuchtturmprojekte“ der sozialistischen Aufbauperiode. In diesem Sinnen wurden in den Metropolen wie Warschau und Ost-Berlin ebenfalls städtebauliche Großprojekte umgesetzt, dort durch die Gestaltung aufwendiger Magistralen. All diese Projekte bezogen sich – in Abgrenzung vom Westen, wo die Moderne dominierte – auf traditionelle, z.B. klassizistische oder barocke Vorbilder der Architektur und der Stadtbaukunst. Als wenige Jahre später auch die östlichen Staaten ihr kulturelles Selbstverständnis an der Moderne ausrichteten, verloren diese frühen repräsentativen Bauprojekte an öffentlicher Wertschätzung. Dies Änderte sich erneut nach der Systemwende Ende der 1980er Jahre. Die spezifischen baulichen und urbanen Qualitäten konnten nun unbelastet von ihren einstigen politischen Zuschreibungen betrachtet werden. Sie waren jetzt Zeugen und nicht länger Instrumente einer politisierten Baukultur, wie sie während des Kalten Krieges in Ost und West praktiziert wurde.

Neben dem Schutz und der Pflege dieser baulichen und urbanistischen Großkomplexe geht es heute vor allem um die Frage ihrer Vermittlung und Aktivierung eines gemeinsamen europäischen Selbstverständnisses. Welche Potentiale bergen sie für die Entwicklung geschichtskultureller Bezüge, etwa der Stärkung der lokalen Identität wie auch der kultur- und geschichtstouristischen Ausstrahlungskraft? Welche Chancen eröffnen hierbei grenzüberschreitende Initiativen?

Im Jahr 2006 entstand eine zwischenstaatliche Initiative europäischer Staaten zur Auszeichnung von Kulturdenkmalen mit einem „Europäische Kulturerbesiegel“, die 2011 als EU-Initiative aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Zu den Denkmalen und Stätten, die in dieser Frühphase die Auszeichnung erhielten, zählen in Deutschland die Bundesländer übergreifenden Netzwerke „Eiserner Vorhang“ und „Stätten der Reformation“.

Seit 2013 verleiht der Europarat das „Europäische Kulturerbesiegel“ in einem ausdifferenzierten Bewerbungs- und Bewertungsverfahren an Stätten von transnationaler Bedeutung. Es ist in der breiten Öffentlich noch wenig bekannt, ganz im Unterschied zu der seit vier Jahrzehnten etablierten Welterbeliste der UNESCO. Ausgezeichnet werden sollen mit dem Europäischen Kulturerbesiegel Stätten, die Symbole und Beispiele der europäischen Einigung, der Ideale und der Geschichte der EU sind. Auswahlkriterium ist vor allem der symbolische Wert der Stätten für eine gemeinsame europäische kulturelle Identität, zudem sollen die geschichtsdidaktischen Potentiale, vor allem in Hinblick auf junge Menschen, eine wichtige Rolle spielen. Zu den bisher mit dem Siegel ausgezeichneten Stätten zählen in Deutschland das Hambacher Schloss als ein Hauptschauplatz der demokratischen Bewegung im Vormärz sowie die historischen Rathäuser in Münster und Osnabrück als Orte des Westfälischen Friedens.

Professor Jörg Haspel wird den Stand der Bestrebungen um transnationale serielle Nominierungen sozialistischer Stadtanlagen für die Welterbeliste der UNESCO vorstellen und Chancen und Potentiale für eine Bewerbung um das Europäische Kulturerbe-Siegel zur Diskussion stellen. Erörtert werden soll auch die Frage, welche Rolle Eisenhüttenstadt im Rahmen solcher grenzüberschreitender Initiativen zukommen könnte. Das Anliegen des Europäischen Kulturerbejahrs 2018 unter dem Motto „Sharing Heritage“ bildet dafür einen aktuellen Ausgangspunkt. Als Präsident des deutschen Nationalkomitees im Internationalen Rat für Denkmalpflege ICOMOS ist Jörg Haspel unmittelbar in Initiativen und Diskussionen um multinationale Initiativen und Kooperationsvorschläge für Welterbe- und Europaerbe-Vorschläge eingebunden.

Prof. Dr. Jörg Haspel: Studium der Architektur und Stadtplanung in Stuttgart sowie Studium der Kunstgeschichte und Empirischen Kulturwissenschaft in Tübingen. Seit 1982 im Denkmalschutz tätig, zunächst in Hamburg, seit 1992 in Berlin als Landeskonservator und Direktor der Landesdenkmalbehörde. Stiftungsratsvorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und Präsident des deutschen Nationalkomitees im Internationalen Rat für Denkmalpflege ICOMOS.

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