Der Vortrag beleuchtet die politischen und architektonischen Entstehungshintergründe des Denkmalsplatzes anhand aktueller Forschungsergebnisse und formuliert Diskussions­anstöße für den künftigen Umgang mit diesem Erbe zur Diskussion. Zugleich würdigt er das Schicksal der nach dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion vor 75 Jahren im STALAG III B umgekommenen sowjetischen Soldaten.

Vor 75 Jahren, am 22. Juni 1941, überfiel Deutschland die Sowjet­union. Es führte den Krieg als weltanschaulichen und rassenideolo­gischen Vernichtungskampf. Dies zeigt sich exemplarisch am Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen. Binnen Monaten ließ die Wehr­macht sie systematisch verelenden und Hundert­­tausende verhun­gern. Von den 5,7 Millionen Rotarmisten in deutschem Gewahrsam kamen bis 1945 über drei Millionen ums Leben.

Zu den Orten dieses Massensterbens zählte das Kriegs­gefangenenlager STALAG III B in Fürstenberg (Oder), heute Eisenhüttenstadt. Mehr als 4.000 sowjetische Soldaten kamen hier zu Tode. Hauptursache war der Entzug von Nahrung und medizinischer Versorgung, daneben die auszehrende Zwangsarbeit an Orten wie der Baustelle des „Kraftwerks Vogelsang“ am Rande der Stadt.

Die sowjetischen Opfer wurden in Massengräbern begraben und beim Bau des Eisen­hüttenkombinats in die neu gegründete Wohnstadt überführt, an eine Stelle, die in ersten Überlegungen als Zentraler Platz konzipiert war. Es entstand der damals größte sowjetische Ehren­friedhof im Land Brandenburg.

Über den Grab­kammern wurde 1951 ein monumentaler Obelisk errichtet und in seinem Vorfeld ein weiträumiger Kundgebungsplatz geschaffen. Bis 1992 wurde er „Platz der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ genannt, seitdem heißt er „Platz des Gedenkens“. 1953 vollzog Walter Ulbricht hier die Namensgebung von Stalinstadt.

Bis 1989 blieb dies ein Ort politischer Manifestationen, vor allem des Bündnis­bekenntnisses zur Sowjetunion und des rituellen Anti­faschis­mus, aber zugleich auch ein Ort des alltäglichen Lebens. Nur eines durfte er nicht sein: eine Stätte realer Erinnerung an die im STALAG III B umgekommenen sowjetischen Gefangenen, denn diese Opfergruppe passte nicht zu dem von der UdSSR und der DDR propagandistisch erwünschten Bild des heroischen und siegreichen Rotarmisten.

Mit dem Ende der DDR büßte der Platz seine überkommenen Funktionen ein, ohne dass sich neue Ansprüche auf ihn richteten. Als vergessener Stadtraum bildet er seitdem ein Symbol unbewältigter historischer und politischer Verwerfungen. Bis heute erinnert (beinahe) nichts an das konkrete Schicksal der hier ruhenden Toten, statt dessen dominiert ungebrochen der inhaltliche und gestalterische Zugriff aus der Endphase des Stalinismus.

Welchen Stellenwert wird der Platz künftig als Gedenkort und als öffentlicher Raum besitzen? Wie lässt sich leben mit seiner zwar denkmalgeschützten, uns aber fremd gewordenen steinernen Monumentalität? Wie gelangt man hier von einem anonymen, formelhaften „Gedenken“ zu historisch konkreter Erinnerung und Information, die Orientierungshilfe für die Zukunft bieten kann? Neue Ansatzpunkte eröffnen sich dank der Initiative russischer Nachkommen von Opfern. Sie haben die Namen eines Großteils der Verstorbenen zusammengetragen und sie vor einigen Jahren der Stadt Eisenhüttenstadt übergeben, damit sie über den Gräbern angebracht werden.

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