Die Bauhistorikerin und Architektur­journalistin Tanja Scheffler beleuchtet in ihrem Vortrag die vielschichtige Biographie und das facettenreiche architek­tonische und künstlerische Schaffen Franz Ehrlichs (1907–1984). Sie forscht seit langem zur Planungs- und Baugeschichte der DDR und befasste sich in den letzten Jahren auch intensiv mit dem Wirken Ehrlichs.

Gestützt auf seine Biographie als Kommunist, Buchenwald-Häftling und Mitglied des „antifaschistischen Widerstandes“ ging Ehrlich in der DDR seinen ganz eigenen Weg. Die öffentliche Anerkennung blieb ihm dadurch freilich lange Zeit verwehrt.

Der am Bauhaus Dessau ausgebildete Ehrlich war Designer, Graphiker, Künstler und einer der vielseitigsten Architekten der DDR. Für die Deutschen Werkstätten Hellerau entwickelte er neben prestigeträchtigen Innenraumausstattungen zahlreiche Einzel- und Typenmöbel. Seine vielfältig kombinierbare, in großen Stückzahlen hergestellte „Serie 602“ gehörte zu den beliebtesten Möbel-Serien der DDR. Seit der Wende werden diese Regale, Kommoden und Tische als international gefragte Design-Klassiker gehandelt.

In den 1950er Jahren realisierte Ehrlich in Ost-Berlin mit dem als Drehort zahl-  reicher Kino- und Fernsehfilme international bekannt gewordenen Rundfunkhaus in der Nalepastraße und einem Klinik-Neubau in Buch dezidiert moderne Bauten, gestalterisch „auf Augenhöhe“ mit dem Westen.

Kaum bekannt ist jedoch, dass Franz Ehrlich mit seinen (später von Kurt W. Leucht überarbeiteten) Wettbewerbsentwürfen 1950 die städtebauliche Konzeption des heutigen Eisenhüttenstadt wesentlich mitbestimmte. Sowohl die axiale Ausrichtung der Stadt auf das Werk, ihre fächerförmige Figur, die Gliederung in verschiedene Wohnkomplexe sowie die Anordnung vieler öffentlicher Bauten und Plätze gehen im Kern auf ihn zurück.

Franz Ehrlich war ein enorm produktiver Entwerfer. Er war zeitweise Wiederaufbau­referent in Dresden, Chef-Architekt der Leipziger Messe und entwarf – nachdem sich seine Möbel zu Exportschlagern entwickelten – die Interieurs für zahlreiche DDR-Handelsvertretungen und Botschaften im (oft westlichen) Ausland. Dabei agierte er selten systemkonform. Als „Bauhäusler“ in der stalinistischen Ära und später als vehementer Kritiker des immer rigider werdenden industriellen Wohnungsbaus stellte er sich gegen die architekturpolitischen Vorgaben der SED.

Selbst während seiner Zeit als KZ-Häftling im Baubüro der SS bewahrte sich Ehrlich Momente des Eigensinns. Beauftragt mit dem Entwurf der alsbald berüchtigten Torinschrift von Buchenwald („Jedem das Seine“), benutzte er die von den Nazis verfemte Bauhaus-Typographie.

Schliessen