Die sowjetischen Kriegsgefangenen standen bis Kriegsende auf der untersten, die angloamerikanischen auf der obersten Ebene dieser Hierarchie. Während annähernd 60 Prozent der mehr als 3 Millionen in Kriegsgefangenschaft geratenen Rotarmisten diese nicht überlebten, lag die Mortalität bei den amerikanischen Gefangenen bei 1,2 und bei den britischen bei 3,5 Prozent. Die Soldaten der Roten Armee waren für Wehrmacht, SS und Polizei nach der Gefangennahme „Keine Kameraden“, wie es Christian Streit in seinem 1978 erschienen Standardwerk über die sowjetischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg formulierte. Die Folge war, dass mit Ausnahme der Juden keine andere Bevölkerungsgruppe in den besetzten Gebieten der Sowjetunion so stark von physischer Vernichtung in den ersten 12 Monaten des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion bedroht war, wie die sowjetischen Kriegsgefangenen. Ihr Massensterben war das größte Kriegsverbrechen, dessen sich die Wehrmacht im Verlauf des Zweiten Weltkrieges schuldig gemacht hat. Leider ist es auch das am längsten vergessene.

 

Zur Person:

Jens Nagel studierte Geschichte, Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre an der Universität Hannover und der University of Bristol. In den Jahren 1999 bis 2001 war er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Sächsische Gedenkstätten am deutsch-russischen Erschließungsprojekt „Sowjetische Kriegsgefangene (Offiziere) im Deutschen Reich 1941-1945“ beteiligt.  Seit 2002 ist er bei der  Stiftung Sächsische Gedenkstätten als Leiter der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain tätig.

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