Das Mannschafts-Stammlager Stalag III B war im II. Weltkrieg eines von drei großen Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht im Raum Berlin-Brandenburg. Es befand sich am Rande der Kleinstadt Fürstenberg (Oder), etwa 2 km vom Zentrum des heutigen Eisenhüttenstadt entfernt. Nachdem bereits Gefangene aus Frankreich und weiteren Nationen im Lager interniert waren, trafen ab September 1941 sowjetische Kriegsgefangene ein, von denen einige unmittelbar darauf starben. Mit weiteren Transporten ab November 1941 schnellte die Sterberate nach oben, so dass bis Jahresende schon über 500 Tote in Sammelgräbern auf dem eigens angelegten „Russenfriedhof“ im Stadtwald begraben wurden. Bis Sommer 1942 begrub man dort über 1.200 Tote, danach wurde ein neuer Bestattungsplatz auf der gegenüberliegenden Seite des Oder-Spree-Kanals angelegt. Auf ihm sind bis zur Auflösung des Lagers Anfang Februar 1945 rund 2.800 Tote begraben worden. Ursache für das Massensterben war die unmenschliche Behandlung der Rotarmisten durch die Wehrmacht gemäß der „rassenpolitisch“ begründeten nationalsozialistischen Vernichtungsideologie. Insgesamt sind mehr als 4.000 sowjetische Gefangene infolge des Entzugs von Nahrung und medizinischer Hilfe sowie durch Gewaltakte der Wachmannschaften im Stalag III B umgekommen. Dem stehen etwa 80 Opfer aller anderen Nationalitäten, die im Lager zahlenmäßig deutlich überwogen, gegenüber. Diese starke Asymmetrie zeigt, wie drastisch sich das Schicksal der sowjetischen Gefangenen von demjenigen anderer Nationalitäten unterschied.

Die exakte Anzahl der sowjetischen Opfer im Stalag III B kennen wir nicht. Die seit Ende der 1940er Jahre verbreitete Zahl von 4.109 ist teils auf Basis von Schätzungen errechnet. Es liegen aber Dokumente vor, die die Größenordnung stützen, seit einigen Jahren als recht genaue Quelle auch das Totenbuch des sowjetischen Krankenreviers des Stalag III B.

Als 1950 das Eisenhüttenkombinat bei Fürstenberg (Oder) errichtet wurde, mussten die beiden inzwischen gärtnerisch gestalteten Kriegsgefangenenfriedhöfe weichen. Die Gebeine wurden im September in die entstehende Arbeiterstadt überführt. Hierzu wurde ein Ehrenmal mit einer unterirdischen Gruft und einer vorgelagerten monumentalen Platzfläche geschaffen. Am 7. November 1951, dem 34. Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution, wurde es in einem Festakt eingeweiht.

Der Platz vor dem Ehrenmal war auch in den kommenden Jahren der wichtigste Versammlungsort der Stadt. Am 7. Mai 1953 verkündete Walter Ulbricht hier feierlich den Namen der neuen Stadt: „Stalinstadt“. Der Platz selbst hieß ab November 1951 „Platz der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“. Er war Ort politischer Massenkundgebungen (zum 1. Mai, 8. Mai, 7. November usw.), von Kampfgruppen- und Jugendweihegelöbnisse oder Fahnenappellen. Brautläute legten am Fuße des Ehrenmals Blumen nieder. Ereignisse wie die Feier zum 10. Gründungsjubiläum der Stadt 1960 wurden mit Kranzniederlegungen am Ehrenmal verknüpft. Der Platz diente auch als lokaler Festplatz und alltäglicher Erholungsraum: „Hüttenfeste“ und Weihnachtsmärkte wurden hier veranstaltet, die Freifläche im Winter in eine Spritzeisbahn verwandelt. – Indessen kündet am Ehrenmal nichts vom Schicksal der dort Begrabenen. Die Aufschriften lassen hier Opfer aus den Kämpfen zu Kriegsende vermuten. An sowjetische Kriegsgefangene wurde in den zahlreichen Kundgebungen zur Zeit der DDR nicht erinnert. Sie waren nicht Teil der öffentlichen Gedenkkultur, was bis heute nachwirkt. Man erfährt am Ehrenmal weder Zahl noch Namen der Opfer, noch ist die Lage ihrer Grüfte gekennzeichnet. Dieses anonyme und verschlossene Arrangement sollte durch behutsame Eingriffe künftig geöffnet werden: für konkrete Erinnerung, historisch-kritische Information und die Ermöglichung individueller Trauer.

 

Zur Person:
Axel Drieschner, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Aufbaustudium Denkmalpflege an der TU Berlin; Kurator am Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR

 

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