Vor dem Abendvortrag findet ab 14.00 Uhr eine BÜRGERBERATUNG des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur im Dokumentationszentrum statt. Der Vor-Ort-Service bietet Ihnen die Möglichkeit zur Antragstellung auf Einsicht in die Stasi-Unterlagen – Bitte bringen Sie hierfür ein gültiges Personaldokument mit! Musterakten und Informationsmaterial stehen für Sie bereit. Ein Mitarbeiter der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur berät Sie unter anderem zu Fragen der Rehabilitation.

Der Vortrag von Rüdiger Sielaff basiert auf jahrelangen akribischen Aktenstudien sowie der Rekonstruktion von zerrissenem Material, das in Frankfurt (Oder)  in händischer Arbeit zusammengefügt wurde. Im Ergebnis ermöglichte dies umfangreiche Einblicke in das Wirken der Staatssicherheit im Stadt- und Kreisgebiet von Eisenhüttenstadt. Im Fokus des Vortrags steht das letzte Jahrzehnt der DDR mit den sich mehrenden Berichten über Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die Ausreisewelle  sowie Mangelversorgung und Misswirtschaft in den Betrieben.

Die Kreisdienststelle Eisenhüttenstadt des Ministeriums für Staatssicherheit in der Friedrich-Engels-Str. 1 beschäftigte laut Stellenplan des Jahres 1989 über sechzig hauptamtliche Mitarbeiter, darunter vier Offiziere im besonderen Einsatz und zwei hauptamtliche inoffizielle Mitarbeiter. Zu ihren Aufgaben gehörte die Außensicherung militärischer Objekte im Kreis, zum Beispiel der Truppenübungsplatz der Sowjetarmee in Dubrow bei Müllrose. Die „Absicherung“ des Eisenhüttenkombinats Ost bildete einen weiteren Arbeitsschwerpunkt, hinzu kamen zahlreiche weitere Betriebe wie die Yachtwerft Eisenhüttenstadt, die Großbäckerei Eisenhüttenstadt, das VEB Bezirksfleischkombinat, das BMK-Ost und außerhalb des Stadtgebiets unter anderem der Forstwirtschaftsbetrieb Müllrose und das Kraftwerk in Brieskow-Finken­heerd.

Anfang 1989 waren 469 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) aller Kategorien für die Kreisdienststelle registriert, darunter nahezu 100 Personen, die Inhaber konspirativer Wohnungen oder Objekte sind. Allein im Hotel „Lunik“ waren im Oktober 1983 vier IM tätig. Andere berichten aus dem Ge­sundheitswesen, der Friedensgemeinde, dem Volkspolizeikreisamt und nicht zuletzt der EOS „Clara Zetkin“. Dort sollten insbesondere alle zukünftigen Medizinstudenten „gründlich aufgeklärt“ werden, „mit dem Ziel, zu gewährleisten, daß sich keine politisch unzuverlässigen Personen … für ein Medizinstudium bewerben.“

Im Oktober 1988 „bearbeitete“ die MfS-Kreisdienststelle 116 „Übersiedlungsersuchen“  mit 267 Personen. Damit gehört die Kreisstadt zu den Schwerpunkten der Ausreisebewe­gung im Bezirk Frankfurt (Oder). 44 Personen sollten im ersten Halbjahr 1989 ausreisen dürfen. Weniger Glück hatten jene Menschen, die in den Vorgängen „Kontakt“ und „Profil“ bearbeitet wurden – sie werden verhaftet und verurteilt.

Voller Sorge analysierte die Stasi die Kommunalwahlen 1989. Die Zahl der Nicht­wähler stieg enorm. Immer mehr Bürger suchen die Wahlkabinen auf. In zwei Wahl­kreisen tauchen insgesamt 31 Stimmzettel auf, die „mit einzelnen Worten oder Sätzen versehen“ sind, so etwa „Glasnost“, „Gegen­stimme“, „Reisefreiheit“, „Abgelehnt“, „nicht einverstanden“, „Sorgt für bessere Verteilung der Lebensmittel“ oder „Mehr in die Geschäfte, dann nächstes Jahr meine Stimme“.

Auch die Städtepartnerschaft von Eisenhüttenstadt und Saarlouis rief die Stasi auf den Plan, die für eine lückenlose Überwachung der Reiseteilnehmer sorgte und alles tat, um private und persönliche Kontakte im Rahmen der Städtepartnerschaft zu erkennen und zu unterbinden. Bald wurde sie allerdings der Ausdehnung privater Kontakte nicht mehr Herr.

Zu den Überlieferungen des MfS aus dem Kreis Eisenhüttenstadt gehören auch zwei Säcke gefüllt mit Fotos und Negativen. Viele davon scheinen Aktivitäten des MfS im Rahmen der Arbeiterfestspiele 1988 zu be­legen. Bei einigen handelt es sich um vom „Westfernsehen“ abfotografierte Bilder – beispielsweise wenn darauf Personen identifiziert werden sollten.

Rüdiger Sielaff wurde 1958 in Stendal geboren. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch seiner Bruders erhielt die Mutter Berufsverbot. Rüdiger Sielaff selbst durfte in der DDR aus politischen Gründen nicht studieren und wurde Krankenpfleger. Nach dem Grundwehrdienst bei der NVA stellte er einen Ausreiseantrag aus der DDR, die ihn 1986 ausbürgerte. Er studierte in Duisburg und wurde Berufsschullehrer sowie Leiter an Schulen des Gesundheits- und Sozialwesens. Seit 2002 ist Rüdiger Sielaff Leiter der Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR (BStU) in Frankfurt (Oder).

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