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PURe Visionen. Kunststoffmöbel zwischen Ost und West

Im Vordergrund sind innovative Möbelstücke der 1970er Jahre zu sehen, präsentiert auf einem orangefarbenen Regalsystem. Links ein auffälliger gelb-oranger Sessel in organischer Form, in der Mitte ein roter Klappstuhl mit geometrischem Design, und rechts ein weißer Hocker. An den Wänden befinden sich Informationstafeln und historische Fotografien, die den Kontext der Designobjekte erläutern. Die Ausstellung ist in einem hellen Raum mit Heizkörpern an den Wänden installiert und zeigt die Entwicklung des DDR-Designs mit Fokus auf Polyurethan-Möbel. Im Hintergrund sind großformatige Ausstellungsbilder zu erkennen, die weitere Designobjekte dokumentieren.
Ausstellungsansicht mit „Garten-Ei“, Foto: R. Funke, © MUA
Ein historisches Marketing-Foto aus den 1970er Jahren zeigt einen orangefarbenen Polyurethan-Sessel im Garten. Der futuristische, ei-förmige Sessel steht auf einer grünen Wiese vor einem Gebüsch. Der Sessel hat eine organische, runde Form mit einer hohen, geschwungenen Rückenlehne. Eine Person in einem dunklen Badeanzug sitzt seitlich im Sessel, wobei nur die Beine und ein Teil der Schulter sichtbar sind. Die Aufnahme vermittelt die moderne, experimentelle Designsprache der Zeit. Die warme Abendsonne verleiht dem glänzenden, orangefarbenen Kunststoff einen besonderen Schimmer.
Peter Ghyczy, Garten-Ei, 1968, VEB Synthesewerk Schwarzheide, ab 1972
Ein roter Designerstuhl aus Kunststoff, fotografiert vor weißem Hintergrund. Der Stuhl hat eine markante Z-förmige Silhouette in der Seitenansicht. Die dynamische Form besteht aus einem durchgehenden, geschwungenen Stück, das von der Rückenlehne über die integrierten Armlehnen bis zum Standfuß reicht. Der Stuhl ist aus glänzendem, rotem Polyurethan gefertigt und zeigt eine futuristische, skulpturale Formensprache. Die minimalistische Gestaltung verbindet Funktionalität mit ästhetischer Innovation. Die Aufnahme präsentiert den Stuhl in einer klaren Studiofotografie, die die markante Form des Möbelstücks betont.
Ernst Moeckl, Känguruh-Stuhl, 1968, PCK Schwedt, ab 1972, © Kunstgewerbemuseum/SKD, Foto: L. Kienzle, R. Oberhammer
Ausstellungsansicht eines Museumsraums mit zwei Besucher*innen, die auf Klappstühlen sitzend eine historische Schwarz-Weiß-Videoprojektion an der weißen Wand betrachten. Im Vordergrund ist ein orangefarbenes Ausstellungsregal zu sehen, auf dem ein Designerstuhl ausgestellt ist. Rechts im Bild steht ein gelber Würfel mit einem Projektor. Der Raum ist minimalistisch gestaltet mit grauen Bodenfliesen und weißen Wänden. Die Installation vermittelt den dokumentarischen Charakter der Ausstellung zur Design- und Produktionsgeschichte.
Foto: R. Funke, © MUA

Das „Garten-Ei“ und der „Känguruh-Stuhl“ gelten heute als Ikonen ostdeutschen Designs. Hergestellt wurden diese Sitzmöbel aus dem Kunststoff Polyurethan (PUR) aber im Zuge einer spannenden Transfergeschichte zwischen West und Ost.

 Kunststoffe bereiteten nach dem Zweiten Weltkrieg den Weg in ein Zeitalter des vermeintlich grenzenlosen Konsums. Massenhaft, preisgünstig und in beinahe beliebiger Farb- und Formgebung herstellbar, beflügelten sie Produktdesign und Industrieproduktion. Trieb in der westlichen Welt die Privatwirtschaft ihre Verbreitung voran, so war dies in den Ländern des Staatssozialismus die Politik. Es herrschte weltweit ein nicht mehr aufzuhaltender Boom der zukunftsversprechenden synthetischen Werkstoffe.

Nach der Maxime „Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit“ stellte die DDR um 1960 die Weichen für „Plaste und Elaste“ im Alltag. Doch trotz hoher Investitionen fiel es ihr schwer, mit westlichen Innovationen Schritt zu halten. Mitte des Jahrzehnts erschien Polyurethan am Horizont, marktreif gemacht vom westdeutschen Bayer-Konzern. Es drang in neue Anwendungsbereiche wie den Möbelbau vor. Spektakulär demonstrierte dies der aus einem Guss gefertigte „Panton-Chair“. Ebenso feierten bundesdeutsche Gestalter wie Ernst Moeckl und Peter Ghyczy mit fließenden Formen und intensiven Farben das von Konventionen befreite Lebensgefühl des POP-Zeitalters.

Begeistert von den Möglichkeiten, massenhaft Möbel aus Kunststoff statt aus Holz produzieren zu können, kaufte die DDR Anfang der 1970er Jahre in der Bundesrepublik Maschinen und Designs zur Herstellung von PUR-Möbeln. Bald produzierte sie mehr Kunststoffmöbel aus Polyurethan als jedes andere Land auf der Welt. Diese wurden als Zeichen des sozialistischen Fortschritts inszeniert, ohne die westdeutschen Ursprünge zu benennen. Daneben entstanden an Hochschulen und in Betrieben kreative Eigenentwürfe von ostdeutschen Formgestaltern für Möbel aus PUR, die teils aber keine Umsetzung fanden.

Die Ausstellung betrachtet die PUR-Möbelherstellung bis in die frühen 1980er Jahre und zeigt neben Fotos, Werbung und Filmauszügen zahlreiche ikonische und bislang wenig bekannte Möbelbeispiele – entworfen in der Bundesrepublik und der DDR. Sie blickt auf designhistorische und wirtschaftspolitische Aspekte und fragt nach dem künftigen Umgang mit dem schwer recycelbaren Material Polyurethan.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Kunstgewerbemuseum Dresden (In neuem Tab öffnen), Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und wurde gefördert durch die Bundesstiftung Aufarbeitung (In neuem Tab öffnen) und BASF Schwarzheide GmbH (In neuem Tab öffnen). Das Museum Utopie und Alltag ist eine Einrichtung des Landkreises Oder-Spree und wird gefördert durch das Land Brandenburg.

Begleitprogramm

Sonntag, 1.9.2024, 13 Uhr
Kuratorenführung

Sonntag, 6.10.2024, 13 Uhr
Kurator:innenführung mit Klára Němečková, Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden und Axel Drieschner, Museum Utopie und Alltag
15 Uhr Podiumsgespräch – Konsumgüter aus Industriekombinaten der DDR; mit Horst Donth, ehem. Hauptabteilungsleiter Konsumgüterproduktion im PCK Schwedt, und Prof. Dr. Dr. Karl Döring, ehem. Generaldirektor des VEB Bandstahlkombinat Eisenhüttenstadt

Samstag, 19.10.2024
18 Uhr Lange Nacht der Restaurierung
Nicht von Dauer? Kulturgüter aus Kunststoff; Tina Petráš, Studio für Restaurierung, Berlin
20 Uhr Kuratorenführung

Dienstag, 22.10.2024
11 – 16 Uhr Programmieren leicht gemacht!
Digitaler Bastel-Workshop für die ganze (Wahl-)Familie, ab 8 Jahre – Wir bringen Kunststoffmöbel zum Sprechen mit Makey Makey

Sonntag, 3.11.24
13 Uhr Kuratorenführung
15 Uhr Vortrag von Sebastian Voigt, Design+Robotics, Potsdam – Entwurf und Fertigung von Kunststoffprodukten. Probleme und Perspektiven

Sonntag, 2.2.2025
13 Uhr Tandemführung mit Dr. Daniel Böhme, Unternehmensarchiv BASF Schwarzheide GmbH und Axel Drieschner, Kurator am Museum Utopie und Alltag

Sonntag, 30.3.2025 Finissage
12 Uhr Kuratorenführung
13–16 Uhr Mitmach-Workshop für Groß und Klein – Gestalten mit Recycling-Kunststoff, Kunststoffschmiede des Konglomerat e.V. Dresden

Den Flyer (nicht barrierefrei) zur Ausstellung finden Sie hier (PDF-Datei).